Uhna blickte gespannt auf das 3D-Hologramm des Computers.
Immer wieder durchlief er das Geschichtskapitel.
In seinem Kopf rumorte es und sein Gehirn tat sich schwer, alles zu verarbeiten. Solange war es her: fast 500 Jahre!
"Eine geheimnisvolle Krankheit löschte ganze Spezies aus!" gab der Lautsprecher wieder. "Darunter waren auch die Menschen, die bis dato die Welt beherrschten!"
Menschen!
Uhna versuchte sich vorzustellen, was das für Wesen waren. Sie liefen auf zwei Beinen und hatten Hände. "Zeig mir die Hände." dachte er und der Computer las die Gehirnströme. Ohne Übergang wechselte die Projektion und zeigte eine Hand. Ja! Das waren die Finger! Mit ihnen konnten die Menschen soviel machen. Dinge anfassen und bewegen. Sie waren einer der Gründe, warum sie die Erde beherrscht hatten.
Andere Spezies mit hoher Intelligenz fanden sich auf der Erde. Doch sie konnten keine Dinge verändern - herstellen. Sie waren anatomisch nicht in der Lage. Das konnten die Menschen.
Uhna sah auf seine Pfoten. Sie konnten auch nichts anfassen. Doch ihnen standen Computer und Roboter zur Verfügung! Keiner weiss, wo sie herkamen. Gewiss es gab Legenden.
Außerirdische hätten nach der Katastrophe eingegriffen und die Technologie hier gelassen. Die Tojoter wurden sie genannt. Diese Theorie konnte man inzwischen als Art Religion ansehen. Die meisten von ihnen glaubten daran. Doch die Tojoter hatten sich nie wieder gezeigt.
Es gab allerdings auch einige, die diese Theorie nicht glaubten. Warum kamen sie nicht wieder? Warum findet man so wenig Spuren? Das waren die Fragen, die die Skeptiker stellten. Es gab Theorien, dass die letzten Menschen ihnen die Dinge selber überlassen hatten, als sie merkten, dass sie nicht von der Krankheit befallen wurden und überleben würden. Aber sie konnten zu diesem Zeitpunkt eigentlich noch nicht intelligent genug gewesen sein. Ihre Intelligenz hatte sich erst später entwickelt.
Uhna bemerkte, dass ein weiteres Wesen den Raum betreten hatte. Seine spitzen Ohren registrierten noch die automatische Tür, die sich mit leisem Surren schloss. "Wie sieht es aus?" Die Frage wurde in sein Gehirn transferiert. Sprechen konnten die Weißen Schäferhunde noch immer nicht. Geräte machte telepathische Verständigung möglich.
Uhna seufzte. "Es ist alles so schwer zu verstehen, Vater!"
Luma legte seinen Kopf schief. "Ich weis mein Sohn. Ich hatte auch Probleme mit der Geschichte" Die Ahnenforscher glaubten, dass ihre Rasse Jahrhunderte lang als recht dumme Geschöpfe durch die Welt liefen. Das war unvorstellbar!
"Unsere Forscher werden sicher bald mehr wissen." Er selbst arbeite an einem Forschungsprojekt mit. Komischerweise wußte man sehr viel über sehr lange zurückliegende Zeiten vor der Katastrophe. Aber die Zeiten danach blieben ihnen derzeit verborgen. Die Menschen hatte sehr viele Aufzeichnungen und Daten hinterlassen. Mit ihnen konnte alles rekonstruiert werden. Als die Krankheit um sich griff, wurden sie spärlicher um schließlich ganz zu versiegen. Erst als ihre eigene Intelligenz gestiegen war, gab es auch wieder Daten. Doch der Zeitraum dazwischen blieb ihnen verborgen.
"Mach eine Pause" riet er seinem Sohn. "In einer Stunde kommt Mama nach Hause."
Zulai arbeitete im Krankenhaus. Sie hatte sich nach der Geburt von Uhna zunächst um seine erste Erziehung gekümmert. Dann war ihr aber die Decke auf den Kopf gefallen. Gerade jetzt musste sie an ihre Familie denken. Luma hatte ihr erzählt, dass die Schäferhunde früher bis zu 10 Welpen auf einmal bekamen. Das war zum Glück schon längst vorbei. Auch feste Beziehungen gab es damals nicht. Menschen suchten die Partner für die Hündinnen aus. Es war auch üblich, dass man mit verschiedenen Rüden Welpen bekam. Zulai schüttelte sich. Sie war froh erst jetzt auf der Welt zu sein. Es gab auch andere "Rassen". Hunderte verschiedene Hunderassen. Bei den Schäferhunden gab es gelb-schwarze, schwarze, graue und andere. Weiß war aber verboten. Kaum vorstellbar! Anscheinend hatten die Tojoter aber nur die Weißen Schäferhunde unterstützt. Denn es gab nur Weiße auf der Welt. Was mit den anderen geschah, wußte bisher niemand.
Die Alarmsirene riss sie unsanft aus ihren Gedanken!
Eine Noteinlieferung! Schnell hastete sie los. Von einem Moment zum anderen war das Krankenhaus in Bewegung. Als sie in den Gang zum OP einbog sah sie den Sanitätsroboter, der mit schnellem Tempo eine Liege schob. Das blutgetränkte Laken wies auf eine größere Verletzung hin. Dr. Sula war bereits vor Ort und gab Anweisungen. Der verletzte Hund war schwach aber noch bei Bewußtsein.
"Was ist passiert?" wollte Dr. Sula wissen. Der Sanitätsrobo leierte die Daten herunter, die er vom Transporter übernommen hatte.
"Schwerer Unfall! In einer Andenkenstätte ist ein schweres Bild auf ihn gefallen. Mehrere Verletzungen außen. Innere Verletzungen sind zu vermuten." Inzwischen war er dabei den Patienten auf den OP-Tisch zu legen. In den Tisch war ein Robodoc integriert. Seine Aufgabe war es, die Anweisungen von Dr. Sula auszuführen.
"Blutverlust prüfen!" war die erste.
Der Doc surrte und übermittelte das Ergebnis in Dr. Sulas Hirn: "Starke Verluste! Infusion bald notwendig!"
"Blutwerte feststellen!" Zum Glück konnte man inzwischen die wichtigen Faktoren für eine Transfusion schnell untersuchen. Über die bereits angelegte Venenkanüle entzog der Doc das Blut. Es verschwand in seinem inneren. Der 3D-Bildschirm sprang an und man konnte den Untersuchungshergang erkennen. Gleichzeitig wurden der Bluttest und die Tomografie durchgeführt. Außerdem zeigte der Monitor die äußerliche Wunde an.
"Blut stillen und Wunde vernähen." Ein Roboterarm machte sich gleich an die Arbeit. Es sah jedoch nicht gut aus. Es würde einige Zeit vergehen. Ein Ton machte auf die neuen Bildschirmdaten aufmerksam. Es erschienen Herzfrequenz und Atemdaten, sowie Hirnströme.
Der Blutverlust wurde stärker!
Endlich war die Untersuchung des Blutes beendet. "Ach Du Tojoter..." dachte Zulai, als sie die Daten sah.
0 positiv ablehnend!
Die Wissenschaft hatte einen weiteren Faktor für Blutabstossungen entdeckt. Manche Blutarten vertrugen sich nicht, obwohl der Faktor an sich gleich war. Das war bei diesem Patienten der Fall. Dieser Umstand war äußerst selten. Hier kam er zum Tragen. Er brauchte eine Infusion dieses Typs und die Wahrscheinlichkeit, dass eine im Depot lag, war sehr gering.
Kaum hatte sie es gedacht, kam die Bestätigung aus der Datenbank.
"Liste der Spender checken" Das Ergebnis war ein einziger Spender. Die Zentrale hatte bereits Kontakt mit ihm aufgenommen und er machte sich gleich auf den Weg. Dr. Sula war erleichtert. Der Patient hatte Glück gehabt. Die Blutungen waren jetzt gestoppt. Doch es gab innere Verletzungen und eine Operation war unvermeidlich. Diese konnte aber nicht ohne den Spender begonnen werden.
Mit Spritzen hielt man den Patienten bis zum Eintreffen des Spenders ruhig. "Hier ist ihr Spender," beruhigte Zulai den Verletzten. Dieser sah angestrengt auf und wurde plötzlich sehr Blass! "Was haben sie?" fragte Zulai.
"Der Spender..." "Was ist mit ihm?" "Er ... er.. ist ein..." "Ruhig! Beruhigen sie sich doch!"
"Er ist ein Schlappohr!"
Zulai und Dr. Sula sahen sich an. Zulai hatte es gleich bemerkt, als der Spender hereinkam. Schlappohr war die Bezeichnung für Weiße Schäferhunde, deren Ohren nicht richtig standen, sondern herunterklappten. Es gab Weiße Schäferhunde, die sie mieden wie die Pest. Sie waren der Meinung, die Tojoter hätten diese sicherlich nicht überleben lassen. Das war allerdings nur eine Vermutung. Nirgends stand darüber etwas geschrieben.
Jetzt fiel Zulai der Ort des Unfalls auf: eine Gedenkstätte! In den Gedenkstätten wurde alles gezeigt, was man über die Tojoter wusste bzw. zu wissen glaubte. Es gab Projektionen, Bilder und Nachbildungen. Eines dieser Bilder war auf den Verletzten gestürzt.
"Ich will keine Transfusion von ihm...!" Der Doc trällerte, weil die Herzfrequenz anstieg. "Mehr Beruhigungsmittel!" Dr. Sula versuchte ihn zu beschwichtigen: "Es ist ihre einzige Chance! Ohne Transfusion werden sie sterben!" Doch der Patient lag nun wie erstarrt da. "Ok!" Dr. Sula hatte sich entschlossen die Transfusion durchzuführen. "Machen sie alles fertig!" Zulai geleitete den Spender zu seinem Platz. Trotz der Beschimpfung war er bereit zu spenden. Der Spendertisch setzte die Kanüle und verband sie mit dem Robodoc.
Dann brach der Alarm über sie herein! Herzflimmern.
"Herz stabilisieren" Schrill heulte der Alarmton in ihren Ohren. Der Doc jagte ein weiteres Medikament in die Vene. Keine Reaktion. "Schaltet die verdammte Sirene aus!" Fast gleichzeitig verstummte die Sirene und auf dem Bildschirm erschien eine weiße Linie!
"Flatline!"